Hintergründe

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Seit über einem Jahr wird, überwiegend mit der Phrase „Kinder sind nicht Treiber der Pandemie“, von Politikern (z.B. [1]), dem BAG (z.B. [2, 3]), am Point de Presse des Bundesrates [4] und nicht zuletzt auch von der Task-Force (z.B. [5]) der Eindruck vermittelt, man wisse, dass Kinder keine massgeblichen Überträger von SARS-CoV-2 seien, weniger leicht angesteckt würden, und dass auch die Übertragung in Schulen nur eine zu vernachlässigende Rolle spiele. Die vom BAG publizierten „Grundlagen für Schutzkonzepte an Schulen“ behaupten: „Kinder spielen aus physiologischen Gründen für die Übertragung des Virus keine wesentliche Rolle“ [3].

Die Task-Force stellte im neuesten Policy-Brief vom 27.4.2021 endlich klar, dass diese Vorstellung falsch ist, und dass der aktuelle Stand der Wissenschaft es nicht zulässt, Kinder und Jugendliche als weniger infektiös oder weniger leicht zu infizieren zu betrachten.

Im Kern korrigiert der Bericht eine falsche Vorstellung, die bis heute Politik, öffentliche Richtlinien und vor allem die Risikowahrnehmung von Schulkindern, Eltern, Lehrer:innen und Schulverwaltungen prägt.

Wir fordern, dass die Schutzmassnahmen an Schulen umgehend so gestaltet werden, dass Kinder und Jugendliche bestmöglichst geschützt werden.
Es ist nicht akzeptabel, dass die Schutzkonzepte an Schulen auf veralteten und falschen Vorstellungen beruhen.

Massnahmen funktionieren nur, wenn sie von allen Beteiligten vollkommen verstanden werden. Deshalb fordern wir, dass die Öffentlichkeit auf den aktuellen Stand des Wissens gebracht wird.
Es ist unabdingbar, dass die Kommunikation für jedermann verständlich gestaltet wird. Der Mythos „Kinder sind keine Treiber der Pandemie“ muss lautstark diskreditiert werden.

Gerade jetzt wird eine realistische Wahrnehmung des Ansteckungs- und Übertragungsrisikos von Kindern und Jugendlichen besonders wichtig:

1) Das neue „3-Phasen-Modell“ [6, 7] rechtfertigt verhältnismässig
hohe „Richtwerte“ der Fallzahlen mit einer wachsenden Durchimpfungsrate (14-Tages-Inzidenzen von 450 pro 100’000 , 600 pro 100’000 und „bis zur Überlastung des Gesundheitssystems“ in Phasen 1, 2 beziehungsweise 3.). Diese hohen Fallzahlen werden ausschliesslich in der nicht geimpften Bevölkerung, also überwiegend unter den 1.5 Millionen Kindern und Jugendlichen zustande kommen.

2) Die Erhöhung des Risikos für Kinder und Jugendliche mit SARS-CoV-2
infiziert zu werden, wird weiter dadurch erhöht, dass sie ab Phase 2 auch ohne Immunität an Veranstaltungen teilnehmen sollen [7] und generell an einem gesellschaftlichen Leben teilnehmen müssen, in dem der individuelle Schutz vor Infektion durch Lockerung und Aufheben von Schutzmassnahmen enorm erschwert oder verunmöglicht werden wird.

3) Das individuelle Risiko bei Kindern und Jugendlichen für einen schweren Krankheitsverlauf, neuartige schwere akute Verläufe („PIMS“), sowie für chronische Langzeitschäden („Long-Covid“) scheint zu steigen.

Wir akzeptieren nicht, dass unsere Kinder bis zu einer möglichen Impfung durchseucht und Langzeitschäden, akute schwere Krankheitsverläufe und PIMS -Fälle einfach in Kauf genommen werden.  Deshalb fordern wir folgende Massnahmen in Schulen: 

1) Es sollen sytematische Massentest an allen Schulen eingeführt werden. Richtlinien und Hilfestellung zu Testprotokoll, Art der Tests, Logistik, etc. sollten von Expert:innen auf nationaler Ebene zügig erarbeitet und zur Verfügung gestellt werden.

2) Es soll eine schweizweite Richtlinie zur Quarantänisierung von Infizierten und Kontaktpersonen im Schulkontext etabliert werden, die auf dem aktuellen Stand der Wissenschaft bezüglich Übertragungswahrscheinlichkeiten basiert. Im Kontext einer Schulklasse muss das die Quarantänisierung der ganzen Klasse ab dem ersten nachgewiesenen Fall bedeuten.

3) Eine Maskenpflicht in Schulen für alle Altersklassen ist notwendiger denn je und soll flächendeckend durchgesetzt werden.

4) Zur Verminderung der Luftkonzentrationen von SARS-CoV-2 RNA sollen flächendeckend geeignet Massnahmen getroffen werden, z.B.

  • Ausstattung von Klassenräumen mit „CO2-Ampeln“
  • Ausstattung von Klassenräumen mit HEPA-Filteranlagen
  • Verlegung des Sportunterrichtes ausschliesslich in den Aussenbereich
  • Verzicht auf Singen in Innenräumen
  • (Wieder-)einführung von Wechsel- und/oder Hybridunterricht
  • Etablierung eines Protokolls zur Beurteilung der „Lüftbarkeit“
    von Räumen

5) Gesundheitsämter sollen verpflichtet werden, Infektionen von Schulkindern mit den notwendigen Metadaten (Schulhaus, Klasse) dem
BAG und interessierten Wissenschaftler:innen zur Verfügung zu
stellen, um die Entwicklung des Infektionsgeschehens in Schulen schweizweit zu beobachten.

Es ist nicht akzeptabel, wenn Schweizer Kinder und Jugendliche gesundheitlichen Risiken nur deshalb ausgesetzt werden, weil keine verbindlichen, wissenschaftlich fundierten und praktikablen Richtlinien existieren, die es Kantonen und Schulen erlauben, die bestmöglichen Schutzkonzepte zu installieren.

Referenzen

[1] Pilatus Today (20.4.2021). Abgerufen am 2.5.2021. https://www.pilatustoday.ch/welt/urner-schulen-sind-laut-regierung-nicht-treiber-der-pandemie-141603158

[2] Bundesamt für Gesundheit BAG (29.3.2021). Abgerufen am 2.5.2021.
https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/krankheiten/ausbrueche-epidemien-pandemien/aktuelle-ausbrueche-epidemien/novel-cov/haeufig-gestellte-fragen.html?faq-url=/de/ansteckung-und-risiken-kinder-und-schulen/k%C3%B6nnen-kinder-das-neue-coronavirus-weitergeben,
Archiviert: https://archive.is/VJ6Kq

[3] Bundesamt für Gesundheit BAG (8.6.2020). COVID-19 Grundprinzipien des Präsenzunterrichts an obligatorischen Schulen als Grundlage für die Ausarbeitung der Schutzkonzepte der Schulen. Abgerufen am 2.5.2021. https://www.bag.admin.ch/dam/bag/de/dokumente/mt/k-und-i/aktuelle-ausbrueche-pandemien/2019-nCoV/covid-19-schutzkonzept-obligatorischeschulen.pdf.download.pdf/Grundprinzipien%20Schutzkonzept%20obligatorische%20Schulen.pdf

[4] Christoph Berger, Präsident der Eidgenössischen Kommission für
Impffragen (EKIF) am Point de Presse des Bundesrates vom 5.1.2021:
„Kinder sind nicht Treiber dieser Pandemie“ (3x wiederholt).
„Kinder, die Kinder anstecken, das gibt nie ein Problem.“
https://www.youtube.com/watch?v=r6muLQ_ePGc (32:13).

[5] National COVID-19 Science Task Force (NCS-TF) (12.8.2020).The role of children and adolescents (0-18 years of age)in the transmission of SARS-CoV-2: a rapid review. Abgerufen am 2.5.2021. https://sciencetaskforce.ch/wp-content/uploads/2020/10/The_role_of_children_and_adolescents_in_transmission_update_12_August_20-EN.pdf

[6] Bundesamt für Gesundheit BAG (21.4.2021). Faktenblatt: Covid-19: Drei-Phasen-Modell. Abgerufen am 2.5.2021. https://www.newsd.admin.ch/newsd/message/attachments/66244.pdf

[7] Eidgenössisches Departement des Innern EDI (21.4.2021). Konkretisierung des Drei-Phasen-Modells. Abgerufen am 2.5.2021. https://www.bag.admin.ch/dam/bag/de/dokumente/mt/k-und-i/aktuelle-ausbrueche-pandemien/2019-nCoV/Unterlagen-Konsultationen-Kantone/konzept-dreiphasenmodell.pdf.download.pdf/Konkretisierung%20des%20Drei-Phasen-Modells.pdf